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Montag, 11. Februar 2013

traurig...

Schöner Beitrag aus dem Cicero.de: "Nun, da das Feld bestellt ist, macht sich der Sämann vom Acker: Vermutlich muss man zu biblischen Bildern greifen, um den angekündigten Rücktritt Papst Benedikts XVI. in seiner Bedeutung zu ermessen. Als der noch amtierende Papst im Herbst 2010 neuen Kardinälen Ring und Pallium überreichte, predigte er über die Königswürde Christi, die darin bestehe, dass er „am Kreuz geblieben ist.“ Deshalb sei „der wahre Ort des Stellvertreters Christi das Kreuz, das Verharren im Gehorsam des Kreuzes.“ Nun hat Joseph Ratzinger sich entschlossen, das Kreuz des Papstamtes abzulegen. Die „Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes“, sagt er, hätten „in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen."


Sonntag, 22. Mai 2011

PAPST BENEDIKT: ABRAHAM LIEH GOTT SEINE EIGENE STIMME

Katechese über das Gebet während der Generalaudienz (bei Zenit.org geklaut)

VATIKANSTADT 18. Mai 2011 (ZENIT.org). - In der Katechesenreihe über das Gebet führte Papst Benedikt die 40.000 anwesenden Pilger heute zurück ins Alte Testament. Abraham „ringt" mit Gott über die Anzahl der Gerechten, die nötig sind, um eine verdorbene Stadt zu verschonen.


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Liebe Brüder und Schwestern,
in den zwei letzten beiden Katechesen haben wir das Gebet als ein universales Phänomen reflektiert, das, wenn auch in verschiedenen Formen, zu allen Zeiten in den Kulturen präsent ist.

Heute dagegen möchte ich einen biblischen Weg zu diesem Thema einschlagen, der uns dabei helfen wird, den Dialog jenes Bundes zwischen Gott und dem Menschen zu vertiefen, der die ganze Heilsgeschichte beseelt, bis hin zu seinem Höhepunkt, seinem endgültigen Wort, das Jesus Christus ist. Dieser Weg führt uns dahin, uns einigen wichtigen Texten und Gestalten zuzuwenden, die für das Alte und Neue Testament beispielhaft sind.

Es wird Abraham sein, der große Patriarch, Vater aller Gläubigen (vgl. Röm 4, 11-12; 16-17), der uns in der Geschichte seiner Fürbitte für die Stadt Sodom und Gomorra ein erstes Beispiel für das Gebet gibt. Ich möchte euch auch dazu einladen, den Weg, den wir in den nächsten Katechesen zurücklegen, zu vertiefen, um die Bibel besser kennen zu lernen und von ihr zu lernen, die ihr, wie ich hoffe, in euren Häusern habt und euch während der Woche Zeit nehmt, sie zu lesen und im Gebet zu betrachten. So könnt ihr die herrliche Geschichte der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen verstehen, zwischen Gott, der sich uns offenbart und dem Menschen, der ihm im Gebet antwortet.

Der erste Text, den ich betrachten möchte, findet sich im 18. Kapitel des Buches Genesis. Er erzählt davon, wie die Bosheit der Bürger von Sodom und Gomorra einen derartigen Höhepunkt erreicht hat, dass sich ein Eingreifen Gottes als nötig erwies, einen Akt der Gerechtigkeit vorzunehmen und dem Bösen durch die Zerstörung dieser Städte Einhalt zu gebieten.
Und hier schaltet sich Abraham mit seinem Fürbittgebet ein. Gott beschließt, ihm das Bevorstehende mitzuteilen, damit er den Ernst des Bösen sowie seine schrecklichen Konsequenzen erkennen würde, denn Abraham ist sein Auserwählter, dazu erwählt, ein großes Volk zu werden und den Segen Gottes in alle Welt zu tragen. Seine Mission ist die der Erlösung, die auf die Sünde antwortet muss, die in die Wirklichkeit des Menschen eingedrungen ist; durch ihn will der Herr die Menschheit wieder zum Glauben, zum Gehorsam und zur Gerechtigkeit bringen.
Und nun nimmt sich dieser Freund Gottes der Wirklichkeit und dem Bedürfnis der Welt an, er betet für jene, die gestraft werden sollen, er betet für ihr Heil.

Abraham nimmt gleich das Problem in seiner ganzen Schwere auf: Er sagt dem Herrn: „Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann erginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?“ (Gen 18, 23-25).

Mit diesen Worten und mit großem Mut bringt Abraham die Notwendigkeit vor Gott, einen kurzen Prozess zu vermeiden: Wenn die Stadt schuldig ist, dann ist es gerecht, ihr Vergehen zu bestrafen, aber, so der große Patriarch, es wäre ungerecht, auf wahllose Weise alle ihre Bewohner zu bestrafen. Wenn in der Stadt Unschuldige sind, dann können sie nicht wie Schuldige behandelt werden. Gott, der ein gerechter Richter ist, darf so nicht handeln, sagt Abraham mit Recht zu Gott.

Wenn wir den Text aber aufmerksamer lesen, dann stellen wir fest, dass Abrahams Bitte noch viel ernster und tiefgreifender ist, denn sie beschränkt sich nicht, nur die Erlösung der Unschuldigen zu erbitten. Abraham bittet um Gnade für die ganze Stadt, er tut es, indem er an die Gerechtigkeit Gottes appelliert. So sagt er zum Herrn: „Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?“ (24b). Auf diese Weise bringt er eine neue Art der Gerechtigkeit ins Spiel: nicht jene, die sich auf die Bestrafung der Schuldigen begrenzt, wie es die Menschen tun, sondern eine andere Gerechtigkeit, eine göttliche, die das Gute sucht und durch die Vergebung den Sünder verwandelt, ihn bekehrt und erlöst.
Mit seinem Gebet ruft Abraham also nicht nur eine begleichende Gerechtigkeit herab, sondern er fordert ein heilbringendes Eingreifen, das sich der Unschuldigen annimmt, die frei sind von der Schuld der Ruchlosen, und das ihnen vergibt. Der Gedanke Abrahams, der beinahe paradox erscheint, könnte so zusammengefasst werden: Offensichtlich kann man die Unschuldigen nicht wie die Schuldigen behandeln, dies wäre ungerecht. Man muss also die Schuldigen als Unschuldige behandeln und sie einer „übergeordneten“ Gerechtigkeit unterstellen, ihnen die Möglichkeit der Erlösung schenken, denn wenn die Sünder die Vergebung Gottes annehmen, ihre Sünden beichten und sich erlösen lassen, dann würden sie nicht mehr weiter das Böse tun, sondern sie würden zu Gerechten werden, die nicht mehr bestraft werden müssten.

Dies ist das Gesuch um Gerechtigkeit, das Abraham in seiner Fürbitte ausspricht, ein Gesuch, das auf der Gewissheit gründet, dass der Herr barmherzig ist. Abraham erbittet von Gott keine Sache, die seinem Wesen widerspricht, er pocht an die Herzenspforte Gottes, damit er seinen wahren Willen erkennt. Gewiss, Sodom ist eine große Stadt, fünfzig Gerechte erscheinen wenig, aber sind die Gerechtigkeit Gottes und sein Vergeben nicht Ausdruck der Macht des Guten, auch wenn sie kleiner und schwächer zu sein scheint als das Böse?

Die Zerstörung Sodoms sollte dem Bösen in der Stadt Einhalt gebieten, doch Abraham weiß, dass Gott andere Wege und Mittel hat, der Verbreitung des Bösen entgegenzuwirken. Es ist das Vergeben, das die Spirale der Sünde unterbrechen kann, und Abraham appelliert in seinem Gespräch mit Gott genau daran. Und als der Herr einwilligt, die Stadt zu verschonen, wenn sich nur 50 Gerechte finden würden, dann beginnt sein Gebet bis in die Abgründe der göttlichen Barmherzigkeit vorzustoßen.

Abraham – wie wir uns erinnern – minderte zunehmend die Zahl der Unschuldigen, die für die Rettung erforderlich sind: wenn es nicht 50 sind, dann würden auch 45 genügen, und so werden es immer weniger, bis schließlich die zehn erreicht sind, indem er seine Bitte schon fast mit einer unverschämten Beharrlichkeit weiterführt: „ Vielleicht finden sich vierzig, dreißig, zwanzig, zehn“ (vgl. V. 29, 30, 31, 32). Je kleiner die Anzahl, je größer zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes, der mit Geduld dem Gebet zuhört und jeder Bitte mit der Zusicherung erwidert: „Ich werde ihr vergeben, … sie nicht zerstören, … ich werde es nicht tun“ (vgl. V. 26, 28, 29, 30, 31, 32). So konnte durch Abrahams Fürsprache Sodom gerettet werden, wenn in ihr nur zehn Gerechte zu finden sein würden.

Das ist die Macht des Gebetes. Durch die Fürsprache kann das Gebet das Heil anderer erwirken, in ihm zeigt sich der Wunsch Gottes nach Erlösung des sündigen Menschen. Das Böse kann nicht hingenommen werden, es muss aufgedeckt und durch die Strafe vernichtet werden: die Zerstörung Sodoms hatte genau diese Funktion.

Aber der Herr will den Tod des Sünders nicht, sondern dass er sich zum Leben bekehrt (vgl. Ez 18, 23; 33, 11). Sein Wunsch ist es immer zu vergeben, zu retten, Leben zu schenken, das Böse in gutes zu verwandeln. Und so wird im Gebet dieser Wunsch Gottes zum Wunsch des Menschen, der sich durch die Worte der Fürsprache artikuliert. Mit seiner Fürsprache lieh Abraham seine eigene Stimme Gott, sein Herz glich er dem Willen Gottes an: dem Verlangen Gottes nach Barmherzigkeit auf konkrete Weise im Inneren der Menschheitsgeschichte, um dort zu sein, wo Gnade gebraucht wird.

Mit der Stimme des Gebetes hat Abraham dem Wunsche Gottes Ausdruck gegeben, nicht dem Willen des Zerstörens, sondern der Rettung Sodoms und der Bekehrung des Sünders. Dies ist der Wunsch des Herrn und seine Zwiesprache mit Abraham ist eine lange und unvergleichliche Darstellung seiner göttlichen Barmherzigkeit. Die Notwendigkeit, gerechte Menschen im inneren der Stadt zu finden, wird immer drängender, bis am Ende nur noch zehn genügen, um die Gesamtheit der Bevölkerung zu erlösen. Warum Abraham bei den zehn stehen bleibt, steht nicht im Text.

Vielleicht ist es die Anzahl der kleinsten Gruppe (noch heute sind zehn Personen der notwendige Kern des öffentlichen Gebetes der Juden). Wie dem auch sei, es handelt sich um eine geringe Anzahl, ein kleiner Kern des Guten, der genügt, ein großes Böses zu besiegen. Aber nicht einmal zehn Gerechte finden sich in Sodom und Gomorra und die Stadt wird zerstört.

Paradoxerweise ist die Zerstörung Zeuge davon, wie nötig das Fürbittgebet Abrahams war. Denn genau dieses Gebet hat den Heilswillen Gottes gezeigt: Der Herr war bereit zu vergeben, er sehnte sich danach, es zu tun, aber die Stadt war in einem absoluten und lähmenden Bösen eingeschlossen, ohne die nötigen Unschuldigen, die das Böse in Gutes hätten verwandeln können.
Denn gerade dieser Heilsweg ist es, den Abraham erbat: Erlöst sein bedeutet nicht einfach nur, der Bestrafung entkommen, sondern vom Bösen, das in uns wohnt, befreit zu sein. Nicht die Strafe soll beseitigt werden, sondern die Sünde, die Ablehnung des Gottes der Liebe, welche die Strafe mit sich bringt.

Der Prophet Jeremias sagt dem rebellierenden Volk: „Dein böses Tun straft dich, deine Abtrünnigkeit klagt dich an. So erkenne doch und sieh ein, wie schlimm und bitter es ist, den Herrn, deinen Gott, zu verlassen und keine Furcht vor mir zu haben - Spruch Gottes, des Herrn der Heere“ (Jer , 19).

Von dieser Trauer und Bitterkeit will der Herr den Menschen befreien, indem er ihn von der Sünde befreit. Er benötigt eine innere Umkehr, eine Ausrichtung zum Guten, einen Anfang, das Böse in Gutes verwandeln zu wollen, den Hass in die Liebe, die Rache in Vergebung.

Darum müssen Gerechte in der Stadt sein und Abraham wiederholt ununterbrochen: „Vielleicht finden sie sich…. Dort, im Inneren der Krankheit, muss dieser Same des Guten sein, um wieder Gesundheit und Leben zurück zu bringen. Und in der kranken Realität von Sodom und Gomorra fand sich dieser Same des Guten nicht.

Aber die Barmherzigkeit Gottes in der Geschichte seines Volkes weitet sich noch weiter aus. Wenn für die Rettung Sodoms nur zehn Gerechte genügten, so erklärt der Prophet Jeremias im Namen des Allmächtigen, dann reicht nur ein Gerechter für Jerusalem: „Zieht durch Jerusalems Straßen, schaut genau hin und forscht nach, sucht auf seinen Plätzen, ob ihr einen findet, ob einer da ist, der Recht übt und auf Treue bedacht ist: Dann will ich der Stadt verzeihen“ (Jer 5, 1). Die Anzahl sinkt also weiter, die Güte Gottes zeigt sich als größer. Auch das genügt noch nicht, die überfließende Barmherzigkeit Gottes findet noch nicht einmal diesen einen Gerechten in Jerusalem, das unter die Belagerung des Feindes fällt.

Es musste geschehen, dass Gott selbst dieser Gerechte wird. Die unendliche und überraschende göttliche Liebe wurde dann ganz deutlich, als der Sohn Gottes Mensch wurde, der vollendet Gerechte, der vollendet Unschuldige, der der ganzen Welt Erlösung brachte durch seinen Tod am Kreuz, indem er denen vergab und für sie bat, die „nicht wussten, was sie taten“ (Lk 23, 34). So findet das Gebet eines jeden Menschen seine Antwort, jeder unserer Fürbitten wird vollständig erhört.

Liebe Brüder und Schwestern, möge uns die Bitte Abrahams, unseres Vaters im Glauben, lehren, das Herz immer mehr der überfließenden Barmherzigkeit Gottes zu öffnen, damit wir im täglichen Gebet die Erlösung der Menschheit ersehnen und mit Beharrlichkeit und Vertrauen Gott den Herrn um sie bitten, der groß in der Liebe ist. Danke

[Übersetzung aus dem Italienischen von Jan Bentz© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]

Mittwoch, 18. Mai 2011

PAPST BENEDIKT: GEBET IM ALTEN TESTAMENT

VATIKANSTADT, Mittwoch, 18. Mai 2011 (zenit.org). - Nach der „menschheitlichen Erscheinung" des Gebets ging Papst Benedikt, wie er ankündigte, während der Katechese der Generalaudienz heute zum „biblischen Zyklus" der Betrachtung über. Schon Abraham als Vater aller Glaubenden habe für die Rettung anderer und um Vergebung gebetet. Durch diese Macht der Vergebung könne Gott Ungerechte in Gerechte verwandeln. Im Gebet für die anderen werde der Heilswille Gottes zum Wunsch des Menschen. Der Herr wolle den einzelnen retten durch die Umwandlung von innen her, durch die Befreiung vom Bösen.


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Liebe Brüder und Schwestern!

In zwei Katechesen habe ich jetzt über das Gebet als menschheitliche Erscheinung gesprochen, die in allen Kulturen da ist. Heute nun möchte ich zu einem biblischen Zyklus übergehen und einige wichtige Texte aus dem Alten und Neuen Testament herausstellen, in denen uns das Gebet lebendig begegnet und von denen wir selber beten lernen können. Beginnen wir mit Abraham, dem Vater aller Glaubenden. Im Buch Genesis wird erzählt, wie Abraham im Gespräch mit Gott Fürbitte für Sodom und Gomorra vor dem gerechten Strafgericht einlegt. Er beschwört Gott: »Es sind doch vielleicht auch Gerechte in der Stadt. Du kannst doch als Weltenrichter nicht die Gerechten zugleich mit den Ungerechten zugrunde gehen lassen. Das tut der Weltenrichter nicht« (vgl. Gen 18,23-25). Aber darüber hinaus geht er weiter und bittet nicht bloß um die Rettung der Gerechten, sondern um Vergebung, durch die die anderen auch zu Gerechten werden. Es geht also um eine »höhere«, göttliche Gerechtigkeit: zum einen um die Gerechtigkeit, dass das Gerechte nicht mit Unrechtem verdammt wird, aber zum anderen um das Höhere, dass Gott durch die Macht der Vergebung Ungerechte in Gerechte verwandelt. Und Gott - Abraham weiß das - will ja nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und lebt (vgl. Ez 18,23; 33,11).

Im Gebet für die Errettung des anderen wird der innere Heilswille Gottes, die Sehnsucht Gottes selbst, zum Wunsch eines Menschen. Abrahams Bitten gründet also in seinem Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, und umso geringer die Zahl der nötigen Gerechten angesetzt wird, desto größer und deutlicher erscheint die Barmherzigkeit des Herrn.

Der Herr ist bereit zu vergeben, doch Sodom und Gomorra verschließen sich seiner erbarmenden Liebe. Es gibt dort nicht einmal den kleinsten Keim an Gutem, aus dem Heilung erwachsen könnte. Rettung heißt ja nicht einfach, der Strafe zu entkommen, sondern vom Bösen befreit zu werden. Der Herr will den Menschen retten durch die innere Befreiung vom Bösen, durch eine Umwandlung von innen her. Später, bei Jeremia finden wir die Stelle, dass Gott durch den Propheten sagt: »Wenn ich einen Gerechten finde, verschone ich die Stadt« (vgl. Jer 5,1).

Aber es fehlt auch der eine Gerechte. Und so hat er selbst eingegriffen und ist selbst ein Mensch geworden, sodass immer der eine Gerechte da ist, von dem Verwandlung ausgehen kann. Von dieser Barmherzigkeit Gottes wollen wir uns anrühren, aber auch selbst verpflichten lassen, uns darum zu mühen mitzuhelfen, dass Gerechtigkeit in unseren Städten sei, weil nur so das Zusammenleben, der Friede, die Städte und der Staat erhalten werden können. Und wir wissen, dass wir uns dabei auf die Güte Gottes verlassen können, mit dem wir im Gebet in Verbindung treten, durch das wir sein Herz öffnen.

Samstag, 14. Mai 2011

PAPST BENEDIKT: BETEN IST SICH SEHNEN NACH GOTT

11.05.2011; von Zenit:

Liebe Brüder und Schwestern!
Heute möchte ich fortfahren, darüber zu reflektieren, auf welche Weise das Gebet und der Sinn für das Religiöse Teil des Menschen in seiner ganzen Geschichte waren. Wir leben einerseits in einer Zeit, in der die Zeichen des Säkularismus offenkundig sind. Gott scheint entweder aus dem Blickwinkel vieler Menschen verschwunden oder aber zu einer Realität geworden zu sein, der gegenüber man sich gleichgültig verhält. Andererseits sehen wir in der gleichen Zeit viele Anzeichen, die auf das Wiedererwachen eines Sinnes für das Religiöse hindeuten, auf eine Wiederentdeckung der Bedeutung Gottes für das Leben des Menschen, auf ein geistiges Bedürfnis, eine rein horizontale und materialistische Sicht auf das menschliche Leben zu überwinden.
Wenn man die jüngere Geschichte betrachtet, fällt auf, dass die Vorhersage jener falsch war, die in der Zeit der Aufklärung das Verschwinden der Religionen vorhersagten und gleichsam eine absolute Vernunft erhoben, die vom Glauben losgelöst ist, eine Vernunft, welche die Dunkelheit eines religiösen Dogmatismus verdrängte und die „Welt des Heiligen“ auflöste und so dem Menschen seine Freiheit, seine Würde und seine Unabhängigkeit von Gott wiedergegeben habe. Die Erfahrung des letzten Jahrhunderts mit seinen zwei tragischen Weltkriegen hat diesen Fortschritt in eine Krise gestürzt, den die autonome Vernunft des Menschen ohne Gott scheinbar zu garantieren vermochte.

Der Katechismus der katholischen Kirche bestätigt: „Durch die Schöpfung ruft Gott jedes Wesen aus dem Nichts ins Dasein. Selbst nachdem der Mensch durch seine Sünde die Ähnlichkeit mit Gott verloren hat, bleibt er nach dem Bilde seines Schöpfers geschaffen. Er behält das Verlangen nach Gott, der ihn ins Dasein ruft. Alle Religionen zeugen von diesem Suchen, das dem Wesen des Menschen entspricht“ (KKK, 2655). Wir können sagen, wie ich es in der letzten Katechese schon erläuterte, dass es von der fernsten Vergangenheit bis zu unseren Tagen keine Zivilisation gegeben hat, die nicht religiös gewesen wäre.

Der Mensch ist seiner Natur nach religiös, er ist ein "homo religiosus", wie er auch "homo sapiens" und "homo faber" ist: „Der Wunsch nach Gott“, so steht es im Katechismus, „ist im Herzen des Menschen eingeschrieben, weil der Menschen von Gott und für Gott geschaffen wurde“ (Nr. 27). Das Bild des Schöpfers ist in sein Sein eingeprägt, und er spürt das Bedürfnis, ein Licht zu finden, um auf jene Fragen Antwort geben zu können, die den tiefen Sinn der Wirklichkeit betreffen; eine Antwort, die er weder in sich selbst, noch im Fortschritt oder in den empirischen Wissenschaft finden kann. Der "homo religiosus" taucht nicht nur in den antiken Welten auf, er ist in der ganzen Geschichte der Menschheit gegenwärtig. In diesem Zusammenhang hat das reiche Feld der menschlichen Erfahrung verschiedene Arten von Religiosität aufkommen sehen, immer mit dem Versuch, Antwort zu geben auf das Bedürfnis nach Fülle und Glück, auf den Wunsch nach Erlösung und der Suche nach Sinn. Der „digitale“ Mensch sucht ebenso wie der Höhlenmensch in der religiösen Erfahrung nach Wegen, um seine Endlichkeit zu überwinden und sein schwankendes irdisches Abenteuer abzusichern.

Im Übrigen hätte das Leben ohne einen transzendenten Horizont keinen erfüllten Sinn und wir projizierten das Glück, das wir alle anstreben, spontan in die Zukunft, in ein „Morgen“, das sich erst noch erfüllen muss. Das 2. Vatikanische Konzil hebt in der Erklärung „Nostra aetate“ hervor: „Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von jeher die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? [Wer bin ich?] Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was sind der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (Nr. 1). Der Mensch weiß, dass er nicht von selbst antworten kann auf sein Grundbedürfnis, verstehen zu wollen. Wenn er sich Illusionen macht und sich damit betrügt, dass er selbständig sei, dann wird er die Erfahrung machen, dass er sich selbst nicht genügen kann. Er hat das Bedürfnis, sich etwas oder jemand anderem zu öffnen, der ihm geben kann, was ihm fehlt; er muss aus sich selbst herausgehen, auf den zu, der ihm in Fülle seinen tiefen Wunsch erfüllen kann.
Der Mensch trägt in sich einen Durst nach Unendlichkeit, eine Erinnerung an die Ewigkeit, eine Suche nach Schönheit, einen Wunsch nach Liebe, ein Bedürfnis nach Licht und Wahrheit, die ihm zum Absoluten drängen. Der Mensch trägt in sich das Verlangen nach Gott. Und der Mensch weiß auf eine Weise, dass er sich Gott zuwenden kann, er weiß, dass er beten kann. Der heilige Thomas von Aquin, einer der größten Theologen der Geschichte, definiert das Gebet als einen „Ausdruck jenes Verlangens, das der Mensch nach Gott hat“.

Diese Anziehungskraft Gottes, die Gott selbst in den Menschen hineingelegt hat, ist die Seele des Gebetes, die sich dann in verschiedene Formen und Weisen einkleidet, je nachdem, wie es Geschichte, Zeit, Moment, Gnade und Sünde eines jeden Beters erheischen. Die Geschichte des Menschen kennt tatsächlich verschiedene Formen des Gebetes, denn sie hat verschiedene Weisen, sich dem Anderen zu öffnen, entwickelt, und zwar so vielfältig, dass wir das Gebet als fundamentale Erfahrung einer jeden Kultur und Religion erkennen können.

Liebe Brüder und Schwestern, wie wir am letzten Mittwoche gesehen haben, ist das Gebet in der Tat nicht an ein bestimmtes Umfeld gebunden, sondern findet sich im Herz einer jeden Person und einer jeden Zivilisation eingeschrieben. Wenn wir vom Gebet als Erfahrung des Menschen als solchem, nämlich als "homo orans" sprechen, ist es natürlich nötig, sich bewusst zu machen, dass es sich zunächst um eine innere Haltung handelt, die vor einer Reihe an Praktiken und Formeln steht; eine Art, vor Gott zu stehen, bevor man den Kult ausübt oder Worte spricht. Das Gebet hat sein Zentrum und senkt seine Wurzeln ein im Innersten der Person, darum ist es nicht leicht zu entschlüsseln und kann auch Missverständnissen und Verfälschungen unterworfen sein. Auch in diesen Sinne können wir den Ausspruch wiederholen: Beten ist schwierig. Das Gebet ist der Ort der Dankbarkeit, der Spannung auf das Unsichtbare zu, das Unfassbare und Unnahbare schlechthin. Darum ist das Gebet eine Herausforderung für alle, eine „Gnade“, die es herabzurufen gilt, ein Geschenk dessen, an den es gerichtet ist.

Im Gebet jeder geschichtlichen Epoche verstand es der Mensch, sich und seine Situation vor Gott und von Gott und auf Gott hin geordnet zu sehen, und er erfuhr sich als Geschöpf, das der Hilfe bedarf, unfähig, sich selber der Erfüllung seiner Existenz anzunehmen und sich selber Hoffnung zu geben. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein erinnert daran, dass „Beten bedeutet zu spüren, dass der Sinn der Welt außerhalb der Welt liegt“. In der Dynamik dieser Beziehung mit demjenigen, der der Existenz Sinn verleiht, mit Gott, hat das Gebet als eine seiner typischen Gesten das Knien. Es ist eine Geste, die in sich eine radikale Ambivalenz trägt: Ich kann dazu gezwungen werden, mich hinzuknien, als ein Zeichen der Unterwürfigkeit und der Sklaverei, aber ich kann mich auch spontan hinknien, um meine Grenze und meine Not nach dem anderen offenzulegen. Ihm zeige ich mich als schwach, bedürftig, als ein „Sünder“. In der Erfahrung des Gebetes erschließt das menschliche Geschöpf das Wissen um sich selbst, als das, was es in seiner Existenz ausmacht, und gleichzeitig richtet es sich auf das Sein aus, vor dem es steht, richtet seine Seele auf jenes Geheimnis, von dem es die Erfüllung seiner Sehnsüchte erhofft und Hilfe für die Überwindung des Elends seines Lebens erwartet.

In diesem Auf-den-anderen-Blicken in diesem sich „Außer-sich-Wenden“ besteht das Wesen des Gebetes, als Erfahrung einer Realität, die das Sinnliche und das Veränderliche erfährt. Letztlich offenbart sich nur in Gott die Antwort auf die Suche des Menschen vollständig. Das Gebet, das das Herz zu Gott erhebt, wird so zu einer persönlichen Beziehung mit ihm. Und auch wenn der Mensch seinen Schöpfer vergisst, bleibt der lebendige und wahre Gott an erster Stelle der geheimnisvollen Begegnung des Gebetes.

Wie es im Katechismus steht: „Beim Beten geht diese Bewegung der Liebe des treuen Gottes zuerst von ihm aus; die Bewegung des Menschen ist immer Antwort. In dem Maß, in dem Gott sich offenbart und den Menschen sich selbst erkennen lässt, erscheint das Gebet als ein gegenseitiger Zuruf, als ein Geschehen des Bundes, das durch Worte und Handlungen das Herz miteinbezieht. Es enthüllt sich im Lauf der ganzen Heilsgeschichte“ (Nr. 2567).

Liebe Brüder und Schwestern, lernen wir, vor Gott stehen zu können, zu Gott hinzugehen, der sich in Jesus Christus offenbart; lernen wir im Schweigen, im Inneren unserer selbst seine Stimme zu hören, die uns ruft und uns in der Tiefe unseres Daseins, an der Quelle des Lebens, am Brunnen des Heils dazu drängt, die Grenzen unseres Lebens zu durchbrechen und uns dem Maß Gottes zu öffnen, in Beziehung mit ihm, der unendlichen Liebe. Danke.

PAPST BENEDIKT: SCHULE DES GEBETS

04.05.2011: von Zenit:

Liebe Brüder und Schwestern,
am heutigen Tag möchte ich mit einer neuen Katechesenreihe beginnen. Nach den Katechesen über die Kirchenväter, die großen mittelalterlichen Theologen und die großen Frauengestalten möchte ich nun ein Thema wählen, das uns allen sehr am Herzen liegt: das Thema des Gebets, oder genauer das Thema des christlichen Gebets; das heißt jenes Gebets, das uns Jesus gelehrt hat und das die Kirche uns weiterhin lehrt. In Jesus wird der Mensch fähig, sich Gott mit jener Innigkeit und Vertrautheit anzunähern, die der Beziehung zwischen Vater und Kind Eigen ist. Gemeinsam mit den ersten Jüngern richten wir uns in demütigem Vertrauen an den Meister und bitten ihn: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11, 1).

In den folgenden Katechesen wollen wir uns der Heiligen Schrift, den großen Traditionen der Kirchenväter, der Meister der Spiritualität und der Liturgie annähern und von ihnen lernen, wie wir unsere Beziehung zu Gott immer mehr vertiefen können, gleich wie in einer „Schule des Gebetes“. Wir wissen wohl, dass das Gebet nicht als etwas Gegebenes gelten kann: Es ist notwendig, beten zu lernen, ja, diese Kunst sozusagen immer wieder neu zu erlernen. Auch diejenigen, die im geistlichen Leben bereits weit fortgeschritten sind, spüren immer wieder den Drang, sich in die Schule Jesu zu begeben, um von ihm zu lernen, wie man authentisch betet. Durch sein Beispiel erhalten wir gleichsam die erste Lehre vom Herrn. Die Evangelien beschreiben uns, dass Jesus in einen ebenso innigen wie beständigen Dialog mit dem Vater sich befand: zwischen jenem, der in die Welt kam, um nicht seinen eigenen, sondern den Willen des Vaters zu tun, und dem Vater, der den Sohn zur Erlösung der Menschheit sandte, besteht eine tiefe Einheit.
Zur Einführung möchte ich in dieser ersten Katechese einige Beispiele des Gebetes vorstellen, welche die alten Kulturen pflegten, um zu zeigen, auf welche Weise man sich immer und überall auf Gott hin ausrichtete.

Beginnen wir zum Beispiel mit dem Alten Ägypten. Hier bittet ein blinder Mann die Gottheit darum, ihm das Augenlicht wiederzugeben, er erwartet etwas allgemein Menschliches und stellt damit das einfache und reine Bittgebet dessen vor, der leidet. Dieser Mensch betet: Mein Herz verlangt danach, dich zu sehen… Du, der du mich die Schatten hast sehen lassen, schaffe Licht für mich. Dass ich dich zu sehen vermag! Wende mir dein doch dein Antlitz zu“ (A. Baruq, F. Daumas, Hymnes et prières de l’Egypte ancienne, Paris 1980.). „Dass ich dich zu sehen vermag“ ‑ hier liegt der Kern des Gebetes!

In den Religionen Mesopotamiens hingegen dominierte das Verständnis für eine archaische und lähmende Art der Schuld, die trotzdem der Hoffnung auf Befreiung und Erlösung durch Gott nicht entbehrte. So betrachtet, wissen wir die Bitte eines Gläubigen aus diesen alten Kulturen zu schätzen, die lautet: „O Gott, der du selbst der größten Sünde gnädig bist, erlöse mich von meiner Sünde… Schaue, Herr auf deinen zerschlagenen Diener, und blase deinen Wind über ihn. Zerreiße meine Kette, befreie mich von den Fesseln“ (M.-J. Seux, Hymnes et prières aux Dieux de Babylone et d’Assyrie, Paris 1976). Das sind Ausdrücke, die zeigen, wie der Mensch in seiner Suche nach Gott bereits, wenn auch noch auf konfuse Weise, einerseits seine Schuld und andererseits die Barmherzigkeit und Güte Gottes vorausahnte.

Im Inneren der heidnischen Religion des antiken Griechenlands spielt sich dann eine bedeutende Entwicklung ab: Die Gebete sind zwar weiterhin Bittgebete um die Gunst des Himmlischen in allen Lebenslagen des täglichen Lebens und um materielle Güter, doch richtet sich der Blick auch Schritt für Schritt auf selbstlose Bitten; sie fordern den gläubigen Menschen dazu auf, seine Beziehung mit Gott zu vertiefen und sich zu bessern. Beispielsweise erzählt der große Philosoph Platon von einem Gebet seines Lehrers Sokrates, der zu Recht als ein Begründer des westlichen Denkens gilt. Do betete Sokrates: „Verleihet mir, schön zu werden im Innern; was ich aber äußerlich habe, dass es dem Inneren befreundet sei! Für reich aber möge ich den Weisen achten. Des Goldes Fülle aber möge mir zuteilwerden in solchem Maße, in dem es ein anderer weder führen noch tragen könnte als der Weise. Für mich ist damit das volle Maß erbeten!“ (Platon, Phaidros, 279c). Er möchte vor allem schön im Innern und weise sein, nicht reich sein und kein Geld haben.
Zu den berühmtesten Meisterwerken der Weltliteratur gehören die griechischen Tragödien, die auch heute, fünfundzwanzig Jahrhunderte später, noch gelesen, bedacht und dargestellt werden. In ihnen sind Gebete zu finden, die den Wunsch des Menschen ausdrücken, Gott zu erkennen und seine Hoheit anzubeten. In einer von ihnen finden wir dies: „Von der Erde erhalten, die überirdisch ihren Sitz hat, bist du, Zeus, so schwer zu verstehen, seien es dein natürliches Recht oder deine sterblichen Gedanken, an dich wende ich mich. Schon weil du auf leisen Wegen die menschlichen Wege leitest, der Gerechtigkeit entsprechend“ (Eurypides, Troja, 884-886). Gott bleibt ein wenig nebulös, aber dennoch erkennt der Mensch diesen unbekannten Gott und bittet ihn, seine Wege auf der Erde zu leiten.

Auch bei den Römern, die jenes große Kaiserreich aufbauten, in dem das Christentum seit seinen Ursprüngen wuchs und sich verbreitete, öffnete sich das Gebet oft, wenngleich auch noch utilitaristisch und grundlegend mit der Schutzbitte um das Leben der Zivilgemeinschaft verbunden, den verehrenden Anrufungen der persönlichen Hingabe, die sich in Lobpreis und Dank verwandelte. So auch bei Apuleius, einem Autor des römischen Afrika aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. In seinen Schriften drückt er die Unzufriedenheit seiner Zeitgenossen in Bezug auf die traditionelle Religion und den Wunsch nach einem authentischeren Gott aus. In seinem Meisterwerk mit dem Titel „Die Metamorphosen“ richtet sich ein Gläubiger mit folgenden Worten an eine Göttin: „Du bist die Heilige, du bist ewiglich die Erlöserin der menschlichen Rasse. Du bist in deiner Großzügigkeit immer die Hilfe der Sterblichen, du gibst den Leidenden deine zärtliche Liebe, als ob du ihre Mutter wärst. Kein Tag, keine Nacht, kein Moment, wie kurz er auch sein mag, vergeht, ohne dass du deine Geschenke machst“ (Apuleius, Metamorphosen, IX, 25).
Gleichzeitig bestätigt Marc Aurel, der sich als Philosoph Gedanken über die menschliche Lebenslage machte, die Notwendigkeit des Gebetes für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen göttlichem und menschlichem Wirken. Er schrieb in seinen Erinnerungen: „Wer hat dir gesagt, dass die Götter uns nicht helfen, auch in Dingen, in denen sie von uns abhängen? Beginnen wir, sie zu bitten, und warten wir ab.“ (Dictionnaire de Spiritualitè, XII/2, col. 2213). Dieser Rat des Philosophenkaisers wurde von zahlreichen Generationen von Menschen vor Christus in die Tat umgesetzt, die so bewiesen, dass das menschliche Leben ohne Gebet seines Sinn-Bezugspunkts beraubt wird. In jedem Gebet drückt sich immer die Wahrheit der menschlichen Geschöpflichkeit aus, die einerseits die Schwäche und das Elend erfährt, darum den Himmel um Hilfe bittet, und auf der anderen Seite mit einer außergewöhnlichen Gnade beschenkt wird, die sie auf den Empfang der göttlichen Offenbarung vorbereitet. So entdeckt sie die Fähigkeit, mit Gott in Verbundenheit einzutreten.

Liebe Freunde, in diesen Beispielen des Gebetes der verschiedenen Epochen und Völker spricht das Wissen um die geschöpfliche Verfasstheit des menschlichen Seins und seine Abhängigkeit von einem anderen zu uns, der über ihr steht und die Quelle alles Guten ist.
Der Mensch betet in allen Zeiten, weil er nicht anders kann, als nach dem Sinn seiner Existenz zu fragen, der ihm dunkel und unheimlich erscheint, wenn er nicht mit dem Geheimnis Gottes und seines Planes für die Welt verbunden wird. Das menschliche Sein ist eine Überkreuzung von Gutem und Bösem, von unverdientem Leid, von Freude und Schönheit, das uns spontan und unvermeidlich dazu drängt, Gott um jenes Licht und innere Kraft zu bitten, die uns im Erdendasein helfen und eine Hoffnung eröffnen kann, die über die Grenzen des Todes hinweg geht.
Die heidnischen Religionen bleiben eine Anrufung der Erde, die eine Antwort des Himmels abwartet. Einer der letzten heidnischen Philosophen, der bereits in der christlichen Ära lebte, Proklus von Konstantinopel, erklärte über dieser Erwartung: „Unerkennbarer, keiner kann dich fassen. Alles, was wir denken, stammt von dir. Unser Leid und unser Wohl kommen von dir, wir sehnen uns nach dir. O Unermesslicher, dessen Anwesenheit unsere Seelen spüren, an dich richten wir unsern Hymnus des Schweigens“ (Hymnen, E. Vogt, Wiesbaden 1957).

In den Beispielen der Gebete der verschiedenen Kulturen, die wir besprochen haben, können wir ein Zeugnis der religiösen Dimension im Wunsch nach Gott erkennen, der in jedes menschliche Herz eingeschrieben ist. Dieser Wunsch erhält seine Vervollkommnung erst im Alten und Neuen Testament. Die Offenbarung reinigt den ursprünglichen Wunsch nach Gott und bringt ihn zur Vollendung, bietet im Gebet die Möglichkeit einer tiefen Beziehung mit dem himmlischen Vater.
Am Beginn dieses Weges in der „Schule des Gebetes“ möchten wir also den Herrn bitten, unseren Verstand und unser Herz zu erleuchten, damit die Beziehung mit ihm im Gebet immer tiefer, liebevoller und beständiger werde. Bitten wir ihn nochmals: „Herr, lehre uns zu beten“.